Rezension: Anja Bagus – Aetherhertz

Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, einen kompletten original deutschen Steampunkroman zu Ende zu lesen. Bisher waren es nur Anthologien, da kommen auch noch Rezensionen, fragt sich nur, wann ich die schaffe. Ich schweife ab…

Zu Aetherhertz kam ich eher zufällig, mit der Autorin, Anja Bagus, hatte ich aus anderen Gründen einen Emailwechsel und mitten in der Konversation kam dann die Frage, ob ich ihren gerade fertiggestellten Roman lesen würde, quasi als Beta-Leser und Rezensent vor Veröffentlichung. Zum Glück habe ich zugestimmt, denn ich fand folgendes:

Aetherhertz von Anja Bagus (Covermotiv)

Aetherhertz beginnt mit einer Verschwörung, die Geburt eines Kindes wird vertuscht, und ich war der Meinung, dass die hier beteiligtenVerschwörer die Hauptbösewichter seien. Ich lag falsch. In Aetherhertz sind so einige Dinge nicht so, wie sie zu sein scheinen, was ein Faktor ist, der das Buch sehr spannend macht.

Ein weiterer Vorzug von Anja Bagus‘ Erstlingswerk ist die Tiefe und der Detailreichtum des Settings. Aetherhertz spielt in einem alternativen Baden-Baden zu Anfang des 20. Jahrhunderts, 1910, um genau zu sein. Gesellschaftsstruktur, Manieren, soziale Normen entsprechen sehr exakt denen, die im Wilhelminischen Deutschland an der Tagesordnung waren, und die Charakterisierung der Akteure und der Stadt und ihrer Einwohner ist an liebevoller Detailtreue kaum zu überbieten.

Aber es ist natürlich nicht alles so wie im historischen Baden-Baden:

Vor ca. 20-30 Jahren haben die Flüsse und Seen der Welt angefangen, Äther abzugeben, als Nebel, und die Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen, verändern sich auf unterschiedliche Weise, je nachdem, mit was für Äther und über welchen Zeitraum sie damit in Kontakt kommen.

Viele Menschen fürchten sich vor dem Äther und dem, was er aus den Menschen macht. Veränderte, „Verdorbene“, werden gemieden und oft auch weggesperrt. Das ist wiederum ein Punkt, der die Handlung voran treibt und mich ein paar mal sehr zornig gemacht hat.

Andererseits hat de Äther einige ganz erstaunliche wissenschaftliche und technische Fortschritte ermöglicht, die sich allmählich im täglichen Leben bemerkbar machen.

Die Handlung selbst dreht sich um Fräulein Annabelle Rosenherz, einzige Tochter eines verschollenen Wissenschaftlers und selbst an der Wissenschaft interessiert, was für eine höhere Tochter ziemlich unschicklich ist. Ihr Interesse zieht sie in die Geschehnisse um die eingangs erwähnte Verschwörung, was ihre Situation nicht verbessert. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr ein Anwalt im Nacken sitzt, der gerne ihr Erbe verwalten würde, bis sie volljährig und/oder verheiratet ist (am besten mit seinem bevorzugten Sohn). Sie selbst hat obendrein ein Geheimnis zu wahren und beide Söhne des Anwalts machen ihr den Hof. Der eine ist Offizier einer besonderen Polizeieinheit, die Äthertechnologie verwendet, der andere ist Kunsthistoriker und begabter Erfinder. Alle drei, und zu einem geringeren Teil Annabelle’s Patenonkel und ihre beste Freundin, kommen mit der Baden-Badener Unterwelt in Konflikt und einer ganz anderen Verschwörung auf die Spur, mit der keiner (und auch nicht der Leser) gerechnet hatte.

Der Plot ist dynamisch, sehr fesselnd und neben einer ganze Menge Spannung und hervorragenden (und auch augenzwinkernd etwas klischeehaften) Charakteren gibt es Chemie zwischen den Protagonisten, Erotik und Gelegenheit, vor Wut mit den Zähnen zu knirschen.

Mehr will ich nicht verraten.

Ich fasse also zusammen:
Überzeugende Charaktere, ein historisch fundiertes Setting, eine Priese Shadowrun und ein Plot, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Aetherhertz ist ein herausragendes Erstlingswerk, der beste deuschsprachige Steampunkroman den ich bisher gelesen habe und der, an dem sich in Zukunft alle anderen zu messen habe. Ich harre der Fortsetzung!

9 von 10 Zeppelinen für Aetherhertz

Eigentlich wollte ich 10/10 geben, aber das wäre ein bisschen fies von mir. Ich hatte mich auf meinem englischen Blog immer über klischeehafte Deutsche in englischsprachigen Steampunkromanen aufgeregt. Anja Bagus  hat leider einen total miesen Franzosen in ihrem Roman, der wirklich jedes schlechte Stereotyp erfüllt und sehr eindimensional dargestellt wird. Das ist aber wirklich der einzige Punkt, den ich auszusetzen habe.


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