Rezension: Andreas Dresen – Wilhelmstadt. Die Abenteuer der Johanne deJonker Teil 1

Nachdem ich von Andreas‘ Das Geheimnis der Boreas Oase ganz angetan war, habe ich natürlich die Gelegenheit genutzt, seinen ersten Steampunkroman Wilhelmstadt. Die Abenteuer der Johanne deJonker. Band 1 – Die Maschinen des Saladin Sansibar zu lesen.

Wilhelmstadt_Cover-711x1024

 

Was mir als erstes positiv auffiel, war das Setting: Wilhelmstadt ist geradezu eine Stadt am Rande der Apokalypse. Schmutzig, mit einer tiefen Trennung zwischen reich und arm, die an Metropolis erinnert, beherrscht von einem üblen Industriellen, Oppenhoff, und seinem Konzern. Ein Steampunk Evil Corp, herrlich!
Überhaupt ist Wilhelmstadt sehr gut ausgearbeitet und obendrein in Deutschland. Damit hat der deutsche Steampunk jetzt vier Handlungsstränge in der Heimat der Autoren (Zerbrochene Puppe, Ætherwelt, Clockwork Cologne und Wilhelmstadt). Was mir allerdings nicht ganz einleuchtet, ist, warum der unter Wilhelmstadt gefundene Rohstoff so einen Goldrausch ausgelöst hat, das hätte etwas näher erklärt werden sollen (zumal der Rohstoff leicht ersetzbar ist und es bessere natürliche Ressourcen gibt). Habe ich da was überlesen?

Die Liebe für Steampunk-Details von Andreas Dresen ist erstaunlich und geht manchmal ein wenig weit. Bei den beschriebenen Details kommen ein paar seltsame Perlen raus, wie das Bein von Miao, das bei jedem Schritt ein (Zitat) „Dampfwölkchen“ hinterlässt. Die Formulierung ist ein wenig ungeschickt, aber da komme ich später noch mal drauf zurück.

Die Handlung selbst dreht sich um Johanne deJonker, die den Namen Ihrer Familie wieder rein waschen und Rache an denen nehmen will, die für das Unglück, dass über die deJonkers hereinbrach, verantwortlich sind. Das Tempo schwankt über den Roman hinweg etwas. Gleich zu Anfang kommt eine nervenaufreibende Tauchexpedition, (Kompliment, Andreas!), in der Mitte gibt es einige Längen, allerdings immer wieder unterbrochen durch sehr charmante Details wie den automatischen Samovar, und zum Ende hin nimmt die Geschichte dann wieder an Tempo zu. Alle Charaktere sind glaubhaft beschrieben, nur wird mir etwas zu häufig gesagt, dass Johanne auf Rache aus ist.

Was allerdings wirklich überhaupt nicht geht, ist das Lektorat. Das fängt mit unvorteilhaften Formulierungen wie der oben genannten an und geht leider weiter: Punkte, wo ein Komma hin gehört, Wiederholungen, Absätze, die ein bis zwei Sätze zu lang sind und Kontinuitätsfehler. So redet Miao Johanne zum Beispiel im gleichen Absatz mit Herrin und dann mit deren Kosenamen an, ohne dass ein Grund dafür ersichtlich ist und die entsprechende Nähe zwischen den beiden zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben ist. Die ganzen Fehler stören auch den Lesefluss erheblich.

Bevor ich es vergesse: Miao hat mir von allen Charakteren am Besten gefallen, ihr Hintergrund und ihre Kultur kann gerne in einer Fortsetzung näher erforscht werden.

Also, Wilhelmstadt bietet ein fantastisches, düster-industrielles Setting, mit vielen faszinierenden und sehr steampunkigen Details, hat in der Mitte einige Längen aber ebenso spannende und sogar nervenaufreibende Szenen, das größte Manko ist das Lektorat, das liegt aber nicht am Autor.

8 von 10 Zeppelinen rein für die Story, wegen des Lektorats werden es aber „nur“ 7 von 10.