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  • Die Zukunft von damals, wie wunderbar Retro!

    Auf Arte (einem der wenigen Sender, die man noch sehen kann), gibt es folgende Dokumentation über das Bild der Zukunft, wie man es sich in den 1960ern vorstellte, in der Mediathek zu sehen.

    Da die netten Leute von Arte so freundlich sind, einen Code Zur Einbindung auf eine Website zur Verfügung zu stellen, kann ich die Doku hier sogar zum Besten geben. Bitte schaut sie euch an, sie ist wirklich hervorragend und ausgesprochen unterhaltsam. Ganz besonders deswegen, weil wir uns ja inzwischen in der Zeit befinden, von der damals geredet wurde.
    Also. zurücklehnen und genießen:

    Und wenn ihr gerade keine Zeit habt, dieses Gif aus Raumpatrouille Orion fasst den Inhalt auch ganz gut zusammen (auf den Tanz im Hintergrund achten):

    Raumpatroullie Orion Tanz


  • Der Weihnachtsfriede von 1914 – Mit alternativem Ausgang

    Heute vor 100 Jahren begann der Weihnachtsfrieden an der Westfront. Ich habe das zum Anlass genommen und im Rahmen des NaNoWriMo eine bereits bestehende (englische) Kurzgeschichte zu einem Roman ausgebaut. Hintergrund ist ein anderer Verlauf der Ereignisse zu Weihnachten 1914. Der Weihnachtsfrieden wird häufig als das letzte Aufflackern des Geistes der Belle Epoque gesehen.
    In dieser alternativen Geschichtsversion war es nicht nur ein Aufflackern.
    Also, hier ist die ursprüngliche Kurzgeschichte und ein Sneak Peek in den Roman:

    Zwei Freunde erinnern sich

    Illustrated_London_News_-_Christmas_Truce_1914

     

    Der tiefblaue Himmel reichte von einem Horizont zum anderen. Keine Wolke, die Schatten spendete oder Regen versprach, kein Windhauch, der Abkühlung brachte. Der alte Mann saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch vor dem Fenster, das Kratzen des Füllfederhalters auf dem Papier das einzige Geräusch in der Nachmittagshitze. Die Hitzewelle lag schon seit Tagen über Louveviennes und er wurde allmählich zu alt für dieses Wetter, aber den ganzen Tag im klimatisierten Salon zu sitzen, das war auch nichts für ihn. Vielleicht sollte er seinen Gast fragen, ihn später mit nach Paris zu nehmen. Er erhob sich etwas schwerfällig und griff nach dem Krug mit Wasser auf dem Tisch neben sich, dann füllte er das Glas auf dem Schreibtisch. Aus der Ferne kam ein Motorengeräusch, das musste sein Gast sein.

    Das Auto hielt in der Auffahrt und sein alter Freund stieg auf der Beifahrerseite aus. “Joseph!” rief der Neuankömmling dem alten Mann zu und breitete die Arme aus.
    “Alexandre, ich bin so froh, dass Du die Zeit finden konntest.”
    Die beiden alten Herren umarmten sich.
    “Und wer ist dieser feine junge Mann?” Auf der Fahrerseite war ein Mann von etwa zwanzig Jahren ausgestiegen. “Er ist nicht nur Dein Fahrer, nehme ich an?”
    “Joseph, darf ich vorstellen, Monsieur Granaukas, er ist ein litauischer Ingenieur.”
    Joseph kniff die Augen zusammen. Der junge Mann kam ihm bekannt vor. Wahrscheinlich einer dieser jungen Technokraten von denen man so viel in den Zeitungen las.
    “Lasst uns in den Salon gehen, Gustave hat bereits Erfrischungen vorbereitet.”

    Der Salon war angenehm klimatisiert. Im hinteren Bereich des Zimmers war eine moderne Apparatur angebracht, die den Raum bei jedem Wetter bei 21°C hielt, auf Geheiß von Josephs Arzt. Gewöhnlich waren Klimaanlagen fast unerschwinglich, aber Alexandre hatte dafür gesorgt, dass Joseph sie als Geschenk der Siemenswerke erhielt.
    Die drei Männer saßen an einem Tisch aus Mahagoni, Gustave hatte bereits Limonade und Sandwiches vorbereitet.
    “So, Alexandre, nun erzähl mir, wie war New York. Ich hätte mir die Weltausstellung ja gerne selbst angesehen, aber meine alten Knochen verkraften lange Reisen nicht mehr so gut.”
    “Du hast ehrlich gesagt nicht viel verpasst, erinnerst Du dich noch an die Linienluftschiffe, die wir 1919 auf der Weltausstellung in Barcelona vorgestellt haben?”
    “Aber natürlich, diese Riesen haben den Himmel verdunkelt.”
    “Dieses mal haben alle wieder nur die Luftschiffe sehen wollen, aber große Neuerungen gab es da nicht, nur Luxusschnickschnack. Kaum einer hat die Armstrong-Whitworth Gezeitengeneratoren sehen wollen, die sind wirklich revolutionär.”
    “Wir wollen sie in der Ostsee entlang der baltischen Küste installieren.” Es war das erste Mal, dass der junge Mann etwas sagte, seit sie am Tisch Platz genommen hatten.
    “Alexandre, warum erzählst Du Joseph nicht, was Du planst?”
    “Oh, Dein Freund heiß auch Alexandre.” Joseph wandte sich de jungen Mann zu. “Monsieur Granaukas, ich bin ausgesprochen gespannt zu hören, was Sie vor haben.”
    “Nun, Marechal…”
    “Aber bitte, ich bin schon lange im Ruhestand. In meinem Haus nennen mich meine Freunde Joseph.”
    “Selbstverständlich…” der junge Mann lächelte etwas verlegen. “Ich habe einen Plan entworfen, eine Anzahl Generatoren als Sondierungsprojekt entlang der baltischen Küste zu installieren. Wir werden die Generatoren aber etwas modifizieren müssen. Die Gezeiten in der Ostsee sind nicht so stark wie die im Atlantik. Mit ein wenig Glück werden wir die ersten im Frühjahr installieren können.”
    “Hat Zar Nikolaus dem Plan zugestimmt? Wie steht es überhaupt um die Unabhängigkeitsverhandlungen?”
    “Die Verhandlungen stecken schon seit einiger Zeit fest. Der Zar setzt sich allen Unabhängigkeitsbestrebungen vehement entgegen und will nichts darüber hören, wie ein dickköpfiges Kind. Radikale Elemente auf beiden Seiten rufen nach Waffengewalt, aber das würde nur zu einem Blutbad führen, egal ob das Ziel ist, die revolutionären Elemente zu unterdrücken oder die russischen Eliten zu vertreiben. Persönlich würde ich eine bundesstaatliche Lösung bevorzugen, der gleiche Weg, den Österreich-Ungarn gegangen ist.”
    “Was auch zur Unabhängigkeit Polens geführt hat.” Ergänzte der ältere Alexandre. “Es war denke ich, ein glücklicher Umstand, das wir das Gebiet bereits erobert hatten, als Frieden geschlossen wurde. Die Polen fürchteten sich vor einem Massaker durch russische Truppen, wenn sie ihre Unabhängigkeit ausriefen.”
    “Ja, und genau diese Unabhängigkeit fordern jetzt auch die anderen Gebiete, die einst unabhängig waren. Das ganze Zarenreich ist ein Pulverfass und alle, die die Unabhängigkeit ihrer Volksgruppe oder Region wollen, suchen nach Schutzmächten, ähnlich wie es das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn für Polen war.” Der junge Alexandre war jetzt sichtlich erregt. “Die Osmanen haben bereits Verbindungen zu den moslemischen Völkern im Kaukasus und rund um das Kaspische Meer aufgenommen, sie warten sicher nur auf eine Gelegenheit, einzugreifen.”
    “Sie sind gut informiert, mein Freund.”
    “Das meiste sind nur Gerüchte, Mare…, Verzeihung, Joseph. Aber Gerüchte, die sehr plausibel sind und ich habe wenig Hoffnung, dass sich die Ereignisse vom Dezember 1914 in einem russischen Bürgerkrieg wiederholen werden.”
    “Ja, Weihnachten 1914…” Joseph erinnerte sich noch sehr gut. “Wer hätte es geahnt. Ich erinnere mich noch, wie mein Adjutant hereinplatzte und atemlos berichtete, das die Briten mit Deinen Truppen in den Schützengräben saßen und Weihnachtslieder sangen.”
    “Ich bin damals selbst in die Schützengräben gegangen, um zu sehen, was da vor sich ging. An jenem Abend traf ich auch zum ersten Mal Major Connolly, erinnerst Du Dich an ihn?”
    “Selbstverständlich, er war bei den Verhandlungen im Februar in Straßburg anwesend, nicht wahr? Der Offizier, dem ein Ohr fehlte.”
    “Genau, das ist er.”
    “Hältst Du noch Kontakt mit ihm?”
    “Sporadisch, aber ich sehe ihn nächstes Jahr, sein Sohn und die Tochter von Hauptmann, nein, Oberst Schwanke heiraten.”
    “Moment, Schwanke war doch in Deinem Stab und nahm an dieser Austauschmission teil, nachdem Das Abkommen unterzeichnet wurde. Das bedeutet ja…”
    “Dass sich seine Kinder und Connollys Kinder seit zehn Jahren kennen, ja. Wir ziehen die beiden viel zu häufig damit auf. In einem ihrer ersten Briefe an meine Frau stellte Connolys Frau bereits fest, dass die Art und Weise, wie James und Auguste sich nicht mochten, konnte nur bedeuten, dass sie später einmal heiraten würden.”
    “Weibliche Intuition.” Joseph wandte sich wieder dem jungen Alexandre zu. “Sind Sie verheiratet, mein Freund?”
    Das Gesicht des jungen Mannes verdunkelte sich. Joseph studierte seine Züge. Ja, er ist es.

    “Ihr Vater ist gegen die Verbindung?” Der junge Mann nickte. “Wenn Sie ihn das nächste mal sehen, dann bestellen Sie ihm einen Gruß von mir und sagen ihm, dass die Zeiten sich geändert haben. Wenn General von Kluck und Marechal Joffre als Freunde zusammensitzen können und Deutschland Lothringen an Frankreich als eine Geste der Freundschaft zurückgibt, sollte der Zar sich nicht widersetzen, wenn sein Sohn eine Braut aus dem Volk wählt.”
    “Gut erkannt und gesprochen, Joseph!”
    “Es ist nur die Wahrheit, Alexandre, also, eure Hoheit…”
    “Alexei ist vollkommen ausreichend, ich bin nur ein einfacher Ingenieur.”
    “Bitte, Alexei, stell Dein Licht nicht unter den Scheffel. Du weißt, was Krupp und Siemens zu Deiner Arbeit sagen. Du bist nicht nur ein einfacher Ingenieur, Du bist einer der Besten Deiner Generation.”
    Alexei Nikolaevich starrte auf die Tischplatte.
    “Verzeihen Sie meine Neugier, Alexei, aber wissen Sie, weshalb sich Ihr Vater so gegen all die Neuerungen sträubt, die im Rest Europas inzwischen selbstverständlich sind?”

    “Er ist ein sehr gläubiger Mensch und betet jeden Tag um einen Fingerzeig, der beweist, dass er im Recht und die alte Ordnung die richtige ist. Er hat sich mit Speichelleckern umgeben, die ihm sagen, was er hören will, und viele von ihnen sind Mietlinge meines Onkels Peter, das macht alles noch viel schlimmer. Die nächste Hungersnot kommt bestimmt. Die Ukraine produziert genug Getreide für das Reich, aber Russland hat nicht die Möglichkeiten, den Überschuss zu verteilen. Wir haben kaum befestigte Straßen, nur wenige Zugstrecken. Manchmal wünsche ich mir, Hindenburg wäre nach Sankt Petersburg marschiert.”
    “Aber eines Tages bist Du Zar.” wandte von Kluck ein. “Du kannst das dann alles ändern.”
    “Falls ich jemals Zar werde. Peter und seine Getreuen werden bestimmt einiges daran setzen, dies zu verhindern, sie wissen, dass sie alle nach Sibirien wandern, falls ich gnädig bin, wenn ich den Thron besteige.”
    Joseph nickte. Alexei konnte die Situation besser einschätzen als jeder andere. Es war ein offenes Geheimnis, dass Großfürst Peter seit einigen Jahren der eigentliche Herrscher Russlands war, während sich Nikolaus mehr und mehr zurückzog, ähnlich wie es Wilhelm II getan hatte. Doch während das Deutsche Reich einen pragmatischen Reichskanzler, einen Beamtenapparat und mit Wilhelm III einen brauchbaren Kronprinzen hatte, war Russland in der Hand eines Adligen, der an der Spitze eines Zirkels Okkultisten stand. Der Gedanke, der nächste Zar könnte ein Technokrat mit radikalen Reformplänen sein, war gewiss eine schreckliche Vorstellung für ihn.
    “Haben Sie einen Plan?”
    “Ja, aber er ist riskant. Haben Sie den Namen Gagik Ozanian schon einmal gehört, Joseph?”
    “Selbstverständlich, der Silberne Löwe von Yerevan. Oh…!”
    “Wie ich sagte, es wird riskant. Wir können Sankt Petersburg per Schiff in zwei Tagen von Danzig aus erreichen.”
    “Und der Kaiser hat dem zugestimmt?”
    “Der Kaiser weiß von nichts.” Erklärte Alexander von Kluck. “Er interessiert sich schon lange nicht mehr für Politik. Falkenhayn und Kronprinz Wilhelm haben dem Plan zugestimmt, vorausgesetzt, ich garantiere, dass sie beide im Zweifelsfall von nichts gewusst haben. Sie betrachten meinen Plan als das geringere Übel. Ihnen ist durchaus bewusst, dass Russland kein stabiler Nachbar mehr ist. Überall bröckelt und rumort es, niemand weiß, wann etwas passieren wird, aber jedem ist klar, dass der Tag nicht mehr fern ist. Da ist es natürlich besser zu wissen, wer der nächste Machthaber ist, als wetten zu müssen, ob es ein selbstsüchtiger Okkultist oder fanatischer Revolutionär wird.”
    Joseph Joffre nickte. “Das leuchtet ein. Haben Sie den Armeniern ihre Unabhängigkeit versprochen, wenn der Coup gelingen sollte?”
    “Nein, wie ich bereits sagte, bevorzuge ich eine föderalistische Lösung. Einige Teilgebiete werden sicherlich größere Autonomie erhalten aber ich will auch die Grenzen des Reiches und eine gewisse zentrale Gewalt erhalten, sonst haben wir bald an mehreren Enden eine Situation wie auf dem Balkan vor 10 Jahren. Nein, gerade im Kaukasus würde es eine Entwicklung geben, die zu einem Flächenbrand werden könnte, der bis nach China reicht, und wenn die Quing-Dynaste fällt, kann das wieder ganz andere Konsequenzen haben.
    Ich habe auch bedacht, dass Ozanian Leute aus dem ganzen Reich befehligt. Seine beiden Stellvertreter sind ein Georgier und ein Tartare. Ich möchte, dass das Volk weiß, dass alle Teile und Völker des Reiches zusammenarbeiten müssen, damit sich etwas zum Guten ändert.”
    “Und wenn das Unternehmen scheitert?”
    “Dann, Joseph, hoffe ich, Großfürst Peter und sein Klüngel mit mir zu nehmen. Ich werde auf jeden Fall mit Ozanian nach Sankt Petersburg gehen.”
    “Aber Alexei, Sie sind, wie allgemein bekannt ist, sehr krank. Die kleinste Verletzung kann tötlich sein.”
    “Nicht mehr, mein Freund, Alexei, hast Du etwas dabei.”
    Der Zarewitsch grinste und griff in eine Tasche seiner Weste. “Selbstverständlich.”
    Eine Phiole rollte über den Tisch zu Joseph Joffre, der sie vorsichtig aufhob.
    “Ein Heilmittel?”
    “Nicht ganz. Ich muss es nehmen, wenn ich mich verletze und kann es wahrscheinlich auch nehmen, wenn ich Verletzungen erwarte, aber bisher ist nicht bekannt, wie lange die Wirkung vorhält.”
    “Das Präparat wurde von zwei Ärzten am Pasteur-Institut entwickelt.” Ergänzte von Kluck. “Interessanter Weise trafen sich Doktor Martin und Doktor Lagneaux an der Front, sie haben in einem Lazarett zusammengearbeitet. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken was passiert wäre, wenn der Krieg länger gedauert hätte, so viel möglicher Fortschritt wäre verloren gegangen.”
    “Ich denke auch oft darüber nach.” Stimmte Joffre zu. “Vielleicht haben wir ein neues finsteres Mittelalter verhindert.”
    “Meine Heimat steckt im Mittelalter fest. Nichts hat sich seit Jahren geändert, und nichts bedeutendes seit die Leibeigenschaft abgeschafft wurde.”
    “Ja, Alexei.” Joffre ging zu einer Vitrine und öffnete sie. Er kam mit drei Gläsern und einer Flasche zurück. “Aber Sie sind ein junger Mann mit den richtigen Zielen und Feuer im Herzen.”
    Er stellte die Gläser auf den Tisch und füllte sie mit Cognac.
    “Einen Toast, meine Freunde. Auf verhinderte Schrecken und die Zukunft, die wir schaffen wollen!”

    Und nun ein Sneak Peek:

    Ein Tag in Berlin

    General von Lettow-Vorbeck war besorgt, er hielt den dritten Bericht seines Kolonialinspekteurs in den Händen, der den Verlust einer Patrouille enthielt. Drei Patrouillen in einem Jahr. Was die Sache verschlimmerte, war, dass ihm sein südafrikanischer Freund und ehemaliger Kriegsrivale Jan Smuts bereits 1922 das erste Mal in einem Brief von verschwundenen Commonwealthtruppen berichtet hatte. Irgend etwas ging in Afrika vor sich, und er würde herausfinden, was das war, selbst wenn er zu Fuß nach Deutsch Ostafrika gehen müsste. Es war Zeit, den kurzen Dienstweg zu nehmen.

    Paul von Lettow-Vorbeck

    “Paul, was verschafft mir die Ehre?” Reichskanzler von Falkenhayn saß bereits am Tisch im Restaurant Horcher, als von Lettow-Vorbeck ankam. Das Restaurant war bekannt dafür, viele prominente Gäste zu haben, da fielen zwei Politiker, selbst wenn einer der Reichskanzler war, kaum auf.
    “Lass uns erst essen und dann nachher bei einer Zigarre darüber reden, ich habe mir sagen lassen, die Medaillons sollen ganz hervorragend sein.”
    Von Falkenhayn zog kritisch eine Augenbraue hoch. “Es muss etwas Ernstes sein. Russland?”
    “Russland ist nicht mein Gebiet, das solltest Du wissen.”
    “Dann also Afrika. Gut, Afrika ist weit, da kann ich ja in Ruhe essen.”
    Ein livrierter Kellner erschien an ihrem Tisch.
    “Haben die Herren bereits gewählt?”
    “Ich hätte gerne ein Selterwasser und auf Empfehlung des Herrn Generals die Medaillons.”
    “Selbstverständlich, Herr Reichskanzler, und was wünscht der Herr General?”
    “Ich nehme auch ein Selterwasser und die Lammkoteletten, davor noch bitte die Tagessuppe.”
    “Gerne, wünscht der Herr Reichskanzler auch noch eine Vorspeise?”
    “Nein, vielen Dank.”
    Der Kellner entfernte sich fast lautlos.
    Das Essen kam schnell und war vorzüglich. Zunächst plauderten von Falkenhayn und von Lettow-Vorbeck über die Planungen zu den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen des Friedensabkommens, Falkenhayns bevorstehende Reise nach Japan und das letzte Spiel von Herta BSC, aber mit der ersten Zigarre kam von Falkenhayn direkt zum eigentlichen Thema.
    “Also Paul, was ist los? Willst Du wieder nach Afrika versetzt werden, und zwar schneller, als der offizielle Weg das erlaubt?”
    “Wenn es nur das wäre. Nein, ich will zwar nach Afrika, da liegst Du richtig, aber nicht, um dort wieder einen Posten anzutreten. Ich will Nachforschungen anstellen. Drei unserer Patrouillen sind im letzten Jahr einfach vom Busch verschluckt worden, jeweils 15-20 Mann. Für gewöhnlich zwei oder drei unserer Offiziere und Unteroffiziere, der Rest Askaris.”
    “Aha…”
    “Das ist aber noch nicht alles. Jan Smuts…”
    “Wer?”
    “Jan Smuts, er ist Minister in Südafrika und hat 1914 die südafrikanischen Truppen befehligt, wir haben aber nie gegeneinander gekämpft und sind jetzt befreundet.”
    “Ach so.”
    “Jan hat mir bereits vor zwei Jahren in einem Brief geschrieben, dass Südafrika immer wieder Truppen an der Nordgrenze verliert und dass es einige Unruhe deswegen in der Armee gibt, aber niemand weiß etwas Genaues.”
    “Könnten alles nur Zufälle sein.”
    “Vielleicht. Besser wäre es, wenn es Zufälle sind. Ich würde aber trotzdem einmal bei unseren britischen Freunden anfragen, ob sie auch betroffen sind. Wenn das der Fall ist, werde ich die Belgier und die Franzosen, vielleicht sogar die Portugiesen fragen. Ich will sicher gehen, dass wir herausfinden, ob und was da vor sich geht.”
    “Na gut, ich kann versuchen, in England Dinge halboffiziell herauszufinden, aber den Geheimdienst werde ich nicht bemühen.”
    “Das wäre ja auch mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ich denke nicht, dass die Briten etwas in der Angelegenheit zu verbergen haben, falls es überhaupt eine Angelegenheit ist. Südafrika ist Teil des Commonwealth, die werden bestimmt nicht gegen ihre eigenen Leute vorgehen. “
    “In der Tat, na gut, ich sehe, was ich machen kann.”
    “Danke, dann möchte ich noch meine Versetzung nach Daressalam beantragen.”
    “Wieso das denn jetzt? Du hast doch gerade selbst gesagt, Du bist nicht sicher, ob überhaupt irgend etwas vor sich geht.”
    “Das stimmt, aber zum einen, bin ich im Winter lieber in Afrika als hier, meinen Posten kann in der Zwischenzeit gerne Oberst Brünninghaus in Vertretung übernehmen, er hofft sowieso mich zu beerben. Zum anderen ist es auch der Vorsicht wegen. Sollte tatsächlich irgend eine Gefahr im Busch lauern, bin ich bereits vor Ort und kann schon Vorbereitungen treffen.”
    “Gut, schick mir alle Papiere, ich winke sie persönlich durch. Und schicke mir bitte Abschriften der Berichte über unsere verschwundenen Patrouillen und eine Zusammenfassung dessen, was dieser Südafrikaner Dir geschrieben hat.”
    “Selbstverständlich.”
    “Sollen wir uns in einer Woche wieder hier zum Mittagessen treffen? Ich denke, bis dahin habe ich von London gehört.”
    “Sehr gerne, dann bis nächste Woche, Erich.”
    “Bis nächste Woche, Paul.”

    Auf der Fahrt zurück ins Reichskolonialamt überlegte von Lettow-Vorbeck, wie er die Sache angehen sollte. Zunächst musste er planen, was er alles mit nach Daressalam mitnehmen würde und wen. Dann benötigte er einen Platz auf dem nächsten Zeppelin. Er hoffte, dass bald einer nach Afrika flog, aber vielleicht musste er ein Schiff nehmen. Das würde alles um zwei bis drei Wochen verzögern, aber Zeppeline flogen auch nicht sehr häufig nach Afrika. Lieber zwei Wochen an Bord eines Kreuzers verbringen, als einen Monat auf einen Flug nach Afrika warten.
    Dann fragte er sich, ob er dem gegenwärtigen Gouverneur der Kolonie, Gustav Horten, über seinen Verdacht informieren sollte, entschied sich aber dagegen. Vorsicht war geboten, und wer immer für das verschwinden der Truppen verantwortlich war, hatte wahrscheinlich Informanten. Nein, es war plausibel genug dass er als ehemaliger Oberbefehlshaber der Schutztruppen der Kolonie aus persönlichen Gründen einen Besuch abstatten wollte. Er sollte aber nicht alleine kommen, jemand, dem er vertrauen konnte, sollte ihn begleiten.
    Etwas im Gedanken kam General von Lettow-Vorbeck im Vorzimmer seines Büros an. Sein Sekretär und Adjutant Leutnant Schilling blickte auf, als er eintrat.
    “Schilling, machen Sie ausfindig, wo Oberst Kraut gegenwärtig stationiert ist und sagen Sie mir bescheid, wenn Sie ihn gefunden haben. Die Sache ist eilig.”
    “Zu Befehl, Herr General.”
    Schilling verließ das Vorzimmer, wahrscheinlich auf dem Weg zur Telephonstelle, nun kam der lästige Teil, Antragsformulare, Bestätigungen, alles in mehrfacher Ausfertigung und an unterschiedliche Bereiche des kaiserlichen Verwaltungs- und Beamtenapparats.

    Reichskanzler von Falkenhayn war kaum in die Reichskanzlei zurückgekehrt, als ein Bote mit einem persönlich an ihn adressierten Brief eintraf. Er nahm diesen entgegen und bat den Boten, einen Augenblick im Vorzimmer zu warten, dann begab er sich in sein Arbeitszimmer, setzte sich in den bequemen Ledersessel seines Schreibtisches und öffnete den Brief. Die Nachricht war kurz und er hatte sie bereits erwartet. Heute war einer der interessantesten Tage seiner Zeit als Reichskanzler, dachte er sich, allerdings hätte er sich gewünscht, dass die Ereignisse eines solchen Tages etwas anders ausgesehen hätten.
    Er verfasste eine Antwort und übergab diese dem Boten, dann rief er bei seiner Frau an, um ihr mit zu teilen, dass Sie heute Gäste haben würden. Das war einer der praktischeren Vorteile, Reichskanzler zu sein, man hatte sein eigenes Telefon und bekam auch noch eines nach Hause.
    Pünktlich um 16:00 verließ von Falkenheyn die Kanzlei, um nach Hause zu fahren und sich auf den Besuch am Abend vorzubereiten.

    Es war kurz vor 19:00, sein Gast hatte darauf bestanden, das Treffen so informell wie Möglich zu halten, die von Falkenheyns hatten sich es sich aber nicht nehmen lassen, trotzdem für einige zusätzliche Annehmlichkeiten zu sorgen, schließlich war es das erste Mal, dass sie die möglicher Weise zukünftige Zarin kennen lernten, und es war einfach nur recht, es einer jungen Dame im Haus eines der mächtigsten Männer des Deutschen Reiches so angenehm wie möglich zu machen.
    Draußen hielt ein Wagen und kurz darauf berichtete Eduard, der Hausdiener, dass Herr Alexei Granaukas nebst Verlobter eingetroffen sei. Das Ehepaar von Falkenheyn empfing seine Gäste im Salon, bevor sie alle ins Esszimmer gingen, wo bereits der erste Gang aufgedeckt war.
    Der Abend verlief ausgesprochen angenehm, auch wenn die Gesprächsthemen sehr ernst waren. Der Zarewitsch plante, noch vor Ende des September gegen Großfürst Peter vorzugehen. Erich von Falkenheyn hatte angeboten, seine Verlobte, Mlle Eva Dequenne, eine Valonin, was die Gastgeber etwas überraschte, in dieser Zeit in seinem Haus aufzunehmen. Sie hatte dankend abgelehnt und gesagt, sie würde zu ihren Eltern nach Brüssel zurückkehren, bis Alexei zurück sei.
    Kurz vor Mitternacht verabschiedeten sich Alexei und Mlle Dequenne. Beide würden bereits am nächsten Morgen nach Danzig abreisen, für von Falkenheyn hieß das, zusammen mit dem Generalstab all die Szenarien durchzugehen, die sie für den Fall einer Revolution oder eines Putsches in Russland entworfen hatten.
    Es kamen wieder unruhige Zeiten auf Europa zu.


  • Gold – Deutscher Atompunkfilm aus den frühen 30ern

    Etwas jünger als Metropolis und auch nicht ganz so aufwändig produziert, aber auch hier spielt Brigitte Helm mit, diesmal an der Seite von Hans Albers: Gold

    Gold(Hans Albers)

    Zu seiner Zeit wurde der Film von der Kritik gefeiert:

    „Mit kühnen und grandiosen Bildern über und unter der Erde hat Karl Hartl diesen Film gestaltet, dessen tiefster Gehalt die überwältigende Poesie der modernen Technik ist. Unvergeßlich prägt sich dem Filmbeschauer die Schönheit der Maschinen, der Zauber der elektrischen Strahlen ein. Es klingt das Hohelied der Technik durch den Film, die keine Grenzen menschlichen Geistes und menschlichen Vermögens anerkennen will und aus formlosen Massen der Maschinen von gestern sich zur künstlerischen Formengestaltung von heute entwickelt hat: stählerne Romantik unserer Zeit!“

    Heute wirkt Gold schon fast naiv, ist aber ein Klassiker und sehr früher Atompunk und vor allem: Inzwischen frei zugänglich, also: Ansehen!


  • Die Graf Zeppelin fliegt um die Welt

    Habe gerade diese Dokumentation auf Youtube gefunden:

     

    Der Film beruht auf den Briefen von Lady Grace Drummond-Hay, die als Journalistin für das Hearst Medienimperium an der Weltumrundung der Graf Zeppelin 1929 teilnahm.
    Ich hoffe, euer Englisch reicht, um zu verstehen, was Lady Drummond-Hay zu berichten hat, ihre Breife bieten einen einmaligen Einblick in die Welt der späten 1920er, kurz bevor die große Party der Roaring Twenties abrubt am Schwarzen Donnerstag (24. Oktober 1929) ihr Ende fand.

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  • Dieselpunk Überraschungsei

    Das nenne ich doch mal Glück. Meine Frau und mein Sohn waren heute einkaufen (im netten türkischen Supermarkt an der Ecke) und da die Inhaberin einen Narren an meinem Sohn gefressen hat, bekam er ein Überraschungsei geschenkt. Er hat die Schokolade gegessen, aber die Überraschung sollte Pappa haben. Sohnemann hat sie extra für mich aufgehoben.
    Na, und was war die Überraschung?
    Das hier:

    Ei kleiner Schienezeppelin! Welch ein Glück. Das wohl dieselpunkigste Schienenfahrzeug, das je gebaut würde und der Zufall hat es in unsere Familie geführt! Die Angaben auf dem „Beipackzettel“ sind sogar korrekt, das hat mich noch mehr überrascht als die eigentliche Überraschung.

    Happy son, happy father, happy day!


  • Weltraumschiff 1 startet – Ein fast unbekannter Dieselpunk Klassiker

    Mein guter Freund Luftschiffharry hat mich heute auf das folgende historische Kleinod der Filmkunst hingewiesen:

    Weltraumschiff 1 startet:



    Ein deutscher Science-Fiction aus dem Jahr 1937 in feinster Dieselpunk/Raygun Gothic Optik. Und hier noch eine Momentaufnahme:

    Weltraumschiff 1 gleitet aus dem Hangar
    Weltraumschiff 1 gleitet aus dem Hangar


    Und jetzt bitte: Ansehen und genießen. Der Film ist reine Unterhaltung und keinerlei Propaganda.


  • Zum 100. Todestag von Karl May

    Am 30. März 1912 starb Karl May, Deutschlands wahrscheinlich erster und bekanntester Weird West Author. Das der gute Mann ein ausgemachter Schwindler war, der Nordamerika nie betreten hat, obwohl all seine Romane alle autobiographisch sein sollen, ist ja bekannt.

    Trotzdem prägen seine klischeehaften Beschreibungen der amerikanischen Ureinwohner immer noch deren Bild in Deutschland. Die Beliebtheit seiner Romane ist in Deutschland ebenfalls ungebrochen.

    Portrait Karl May

    Zum 100. Todestag des großen Hochstaplers hat der MDR ein sehr interessantes Special zusammengestellt.

     


  • Historische Tonaufnahme – Helmuth von Moltke

    Über Herrn Captain Serenus von Clockworker kommt diese historische Tonaufnahme:

    Helmuth von Moltke, aufgenommen durch Theo Wangemann von der Edison Corporation:

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    Das Original gibt es ebenso wie viele andere historisch Tonaufnahmen auf der Seite des National Park Services der USA. Die obige Datei ist Teil einer größeren Auswahl weiterer Aufnahmen, die Herr Wangemann anfertigte. Die Sammlung ist hier zu finden.