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  • Rezension – Die Verlorene Puppe

    Nach Die Zerbrochene Puppe und der Anthologie Eis und Dampf kommt mit Die Verlorene Puppe das dritte Werk des Autorenehepaares Judith und Christian Vogt, das im Eis und Dampf Universum angesiedelt ist.
    Ich habe mich schon lange auf das Buch gefreut (siehe auch das Podcast Interview mit Judith Vogt und Mia Steingräber weiter unten) und wurde nicht enttäuscht.
    Bevor ich aber darauf eingehe, was ich an Die Verlorene Puppe gut fand, erst mal die zwei Dinge, die mir nicht gefallen haben (das eine davon zunächst):

    • Ich fand den Ich-Erzähler einfach unsympathisch und nervig
    • Dass das ganze in einem Luftschiff-Zirkus startet, hat mir den Einstieg erschwert. Das mit dem Zirkus erübrigt sich im Laufe der Handlung auf mehr als eine Weise, aber da ich Zirkussen noch nie etwas abgewinnen konnte und ich den Zirkus Apocalástico sehr irritierend fand, war der Einstieg in die Geschichte leider etwas zäh und holprig.

    Aber jetzt zu den Dingen, die mir gefallen haben, und die überwiegen bei weitem:

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    Die Verlorene Puppe bietet eine ganze Menge, was die geneigte Leserschaft bei Laune hält, unabhängig davon, ob sie Steampunkfans sind oder nicht:

    • Die Geschichte ist fesselnd und es passiert wirklich ständig etwas. Es wird nie langweilig.
    • Die Welt, die bereits durch Die Zerbrochene Puppe und Eis und Dampf entworfen wurde, wird weiter ausgebaut und zwar von einem massiven Zuwachs der Geographie bis hin zu verschiedenen faszinierenden Details was die bereits bekannten Länder und deren Kultur und Technik angeht.
    • Alle Charaktere, denen man begegnet sind glaubhaft und einfach sehr menschlich (obwohl sie genau das vielleicht gerade nicht sind, aber ich werde hier nichts verraten).
    • Es werden Kulturen vorgestellt, die es bisher in noch kein einziges Steampunk-Buch geschafft haben, soviel ich weiß. Damit hat Die Verlorene Puppe wirklich etwas einmaliges. (Besonders gelungen fand ich ja [Achtung! Insiderwitz!] wie die Azteken ihre Nordgrenze sichern!)
    • Die andere Geschichte, die über Logbucheinträge zu Beginn jedes Kapitels erzählt wird, führt nochmal zu mehr Spannung und hat mich zu Spekulationen über den Verlauf der Handlung gebracht, die komplett falsch lagen.
    • Nichts ist so wie es zunächst scheint. So viele Geheimnisse, Wendungen und Überraschungen, man kommt aus dem Staunen kaum heraus und fragt sich, was für Gedankengänge die Autoren hatten (und ob sie ein Whiteboard mit den Handlungssträngen zuhause haben).

    Also, eine fesselnde Geschichte vor einem faszinierenden Hintergrund, unerwartete Wendungen und jede Menge Geographie, die es zu Entdecken gilt.

    Ich kann Die Verlorene Puppe Steampunks und Weltenentdeckern aller Art nur wärmsten ans Herz legen.

    Sieben von Zehn Stufenpyramiden (währen mehr geworden, wenn ich mich am Anfang nicht so schwer getan hätte)

     

    Ach ja, eines noch: Ich dachte mir von Anfang an, dass da etwas mit dem Mammut nicht stimmen konnte, da wurde ich am Ende also gar nicht überrascht.

    Die Verlorene Puppe gibt es hier beim Uhrwerk Verlag.


  • Rezension: Traumschrott von Christian Krumm

    Ich hatte das Glück, eine Geschichte aus Traumschrott bei einer Lesung in Essen zu hören, in der verschieden Autoren der Edition Roter Drache aus ihren Werken vorlasen und war sofort fasziniert.

    Traumschrott ist eine Sammlung von 12 Kurzgeschichten, die sich alle um ein zentrales Thema drehen, den Traumschrott. Der Traumschrott entsteht auf verschiedene Weise, in manchen Geschichten aus den zerstörten Träumen der Protagonisten, in anderen Geschichten wird der Traumschrott aber direkt von den Akteuren produziert. Im letzteren Fall ist es mehr ein Traum aus Schrott, der entsteht.

     

    Traumschrott - Cover

     

    Die Geschichten selbst sind sehr tiefgründig und regen zum Nachdenken an. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines Künstlers, der kurz davor steht, eine Ausstellung zu eröffnen, und damit einen Lebenstraum zu erfüllen. Leider wird dieser Traum zu nichte gemacht, aber nur weil ein anderer Traum, der von sehr vielen Menschen, in Erfüllung geht. Hier stellt sich die Frage: Wie viele Träume werden durch die Erfüllung eines großen Traums zerstört?
    Dann ist da die Geschichte eines Mannes, der seine Macht ausnutzt, um die Träume anderer zu zerstören oder zu untergraben und sie mit einem toxischen, bösartigen Traum zu ersetzen.

    Jede der Kurzgeschichten zeigt eine andere Facette von Traumschrott, ein neuer Traum der zerbricht oder niemals wirklich die Chance hatte, real zu werden. Die Träumer ebenso wie die Zerstörer sind dabei ganz alltägliche Leute, wie man sie täglich auf der Straße trifft, gerade das macht die Geschichten so einprägsam und real. All dieser Traumschrott findet sich im Leben aller, nicht jede Facette, aber ich bin sicher, dass sich jeder Leser in mindestens einer Geschichte wiederfindet.

    Traumschrott ist ein sehr fesselndes, aber kein einfaches Buch. Jede Geschichte endet mit einem kleinen Stich in die Seele. 12 schmerzvolle Geschichten aus dem kollektiven Traumgedächtnis unserer Gesellschaft.

    9 von 10 Zeppelinen.

     

     


  • Rezension: Die Venus – Quellenbuch für Space: 1889

    Space: 1889 erlebt ja in den letzten Jahren eine Renaissance, es gibt eine Romanserie (auf Englisch) und der Uhrwerkverlag publiziert das Regelwerk in Deutsch und bringt auch eigenständig Material heraus, das es so in der englischen Originalausgabe nie gab.

    Eines dieser Materialien ist der Band Die Venus:

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    Die Venus bietet sich natürlich besonders als deutsche Originalausgabe an, da dieser Planet im Space: 1889 Universum aus verschiedenen Gründen vom Deutschen Reich dominiert wird, und der Uhrwerkverlag hat wirklich keine Mühen gescheut, dem Kaiserreich mit diesem Band alle Ehre zu machen, das fängt schon beim Hardcover und ausgesprochen schönen und detaillierten Titelbild an. Ganz hervorragend, Herr Fetsch.
    Schlägt man das Cover auf, findet man eine Karte der deutschen Kolonie und der angrenzenden Gebiete. Das Buch ist inhaltlich schön gegliedert, nach einer kurzen Übersicht über die Venus werden die einzelnen Kolonien und Außenposten vorgestellt, allen voran die deutsche Kolonie, gefolgt von der britischen und bis hin zu verschiedenen unabhängigen und teilweise geheimen Siedlungen.
    Die großen Kolonien werden mit mehr Tiefe beschrieben und allein aus diesen Beschreibungen kann man schon genug Anregungen für Abenteuer auf der Venus ziehen.

    Was mir besonders gefallen hat: Wer die englischen Spielmaterialien von Space: 1889 kennt, weiß, dass sich die amerikanischen Autoren mit nicht-Englischen Namen auf inzwischen schon fast kultig-schlechte Weise schwer tun. Die Autoren von Die Venus waren dagegen erfolgreich darin, realistische Namen für alle Personen und Orte auf der Venus, passend zu Sprache und Kultur der jeweiligen Kolonie zu finden.

    Den Beschreibungen der Kolonien folgt ein Abschnitt über die Venusier, deren Kultur, Stämme, Technologie, Religion etc. Die Autoren haben sich hier richtig ins Zeug gelegt, ganz großes Kino. Das Kapitel über die Venusier ist, zusammen mit den Mysterien der Venus am Ende des Quellenbandes mein persönliches Highlight in einem insgesamt sehr starken und lesenswerten Quellenband.

    Aufgelockert werden die Texte übrigens überall durch Illustrationen wie diese hier:

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    oder auch diese (na, wer kennt das Original?):

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    Dem Kapitel über die Venusier folgt eines über Flora und Fauna (Velociraptoren!) zu der auch so etwas wie ein Riesenweberknecht gehört, wer immer den sich ausgedacht hat, sollte mal zum Arzt gegen…, dann Abenteueranregungen und Beispielcharaktere und ein Kapitel über Chemie, weil: Auf der Venus gibt es viel, was das irdische Chemikerherz erfreut.

    Den Abschluss machen, wie erwähnt, die Mysterien der Venus und da sind wirklich ein paar Knüller dabei, seht es euch selbst an!

    Also, Die Venus is ein ganz hervorragender Quellenband, der in keiner Space: 1889 Bibliothek fehlen sollte, detaillereich, spannend geschrieben und mit einem Schatz an Abenteuerideen, der viele spannende Rollenspielabende garantiert.

    10 von 10 Zeppelinen

    (ein kleines Manko: Nicht alle interessanten Charaktere haben Spielwerte, deshalb kein „Editor’s Pick“)

     


  • Rezension – Steampunk: Jule Vernes Erben und Ihre fantastischen Maschinen

    Die Tage bekam ich eine mal wieder eine Aethernachricht, ob ich nicht ein Buch rezensieren wollte, mit dem Titel Steampunk: Jule Vernes Erben und Ihre fantastischen Maschinen. Ich teilte dem netten Herrn mit, dass ich nur noch in Ausnahmefällen rezensiere, es aber gerne featuren würde und dafür ein kurzes Expose und einige Bilder benötigte.
    Die Antwort kam prompt, und nach dem ich im Expose las, dass der Autor kein geringerer als mein Freund Dan Aetherman, a.k.a. The Chocolatist, war die Sache natürlich klar: Ich mache eine Ausnahme.

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    Hier also die Rezension:

    Vom Titel her könnte man natürlich darauf schließen, das Dan zu einem Rundumschlag über die Steampunkszene ausholt, aus gegebenen Gründen vielleicht mit Focus auf die Schweiz. Dem ist aber nicht so. Ein besserer Titel wäre gewesen: Steampunk: Dan Aetherman and Friends geben sich die Ehre.

    Nach einer kurzen und ziemlich präziesen Einführung darüber, was Steampunk ist, widmet sich Steampunk: Jule Vernes Erben und Ihre fantastischen Maschinen dem Tagesablauf des Herrn Aetherman in seinem persönlichen Steampunkuniversum.

    Ziemlich bildgewaltig werden seine Kreationen in Szene gesetzt, jede mit ihrer eigenen Geschichte und, wie man bald merkt, im unverkennbaren Stil Dan Aethermans. Zwischendrin geben sich bekannte Gesichter der Steampunkszene wie MADmoiselle Méli H und Herr Steampunker die Ehre, dies ändert aber nichts daran, dass The Chocolatist mit seinen Kreationen im Mittelpunkt des Buches steht.

    Besonders schön zum Abschluss ist die Anleitung Herrn Aethermans, zum Bau eines eigenen kleinen Steampunk Gadgets. Für den einen oder die andere ist dies vielleicht der Einstieg, selbst ein Baumeister wie Dan Aetherman zu werden.

    Insgesamt ein ausgesprochen schöner Bildband, der es schafft, obwohl der Focus klar auf den Werken des Autors liegt, charmant und schön zu sein und nicht als Eigenwerbung rüber zu kommen.

    8 von 10 Zeppelinen (andere Künstler und/oder ein anderer Titel hätten schon sein müssen).

    Hier noch ein paar großartige visuelle Eindrücke aus Steampunk: Jule Vernes Erben:

     


  • Rezension: Andreas Dresen – Wilhelmstadt. Die Abenteuer der Johanne deJonker Teil 1

    Nachdem ich von Andreas‘ Das Geheimnis der Boreas Oase ganz angetan war, habe ich natürlich die Gelegenheit genutzt, seinen ersten Steampunkroman Wilhelmstadt. Die Abenteuer der Johanne deJonker. Band 1 – Die Maschinen des Saladin Sansibar zu lesen.

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    Was mir als erstes positiv auffiel, war das Setting: Wilhelmstadt ist geradezu eine Stadt am Rande der Apokalypse. Schmutzig, mit einer tiefen Trennung zwischen reich und arm, die an Metropolis erinnert, beherrscht von einem üblen Industriellen, Oppenhoff, und seinem Konzern. Ein Steampunk Evil Corp, herrlich!
    Überhaupt ist Wilhelmstadt sehr gut ausgearbeitet und obendrein in Deutschland. Damit hat der deutsche Steampunk jetzt vier Handlungsstränge in der Heimat der Autoren (Zerbrochene Puppe, Ætherwelt, Clockwork Cologne und Wilhelmstadt). Was mir allerdings nicht ganz einleuchtet, ist, warum der unter Wilhelmstadt gefundene Rohstoff so einen Goldrausch ausgelöst hat, das hätte etwas näher erklärt werden sollen (zumal der Rohstoff leicht ersetzbar ist und es bessere natürliche Ressourcen gibt). Habe ich da was überlesen?

    Die Liebe für Steampunk-Details von Andreas Dresen ist erstaunlich und geht manchmal ein wenig weit. Bei den beschriebenen Details kommen ein paar seltsame Perlen raus, wie das Bein von Miao, das bei jedem Schritt ein (Zitat) „Dampfwölkchen“ hinterlässt. Die Formulierung ist ein wenig ungeschickt, aber da komme ich später noch mal drauf zurück.

    Die Handlung selbst dreht sich um Johanne deJonker, die den Namen Ihrer Familie wieder rein waschen und Rache an denen nehmen will, die für das Unglück, dass über die deJonkers hereinbrach, verantwortlich sind. Das Tempo schwankt über den Roman hinweg etwas. Gleich zu Anfang kommt eine nervenaufreibende Tauchexpedition, (Kompliment, Andreas!), in der Mitte gibt es einige Längen, allerdings immer wieder unterbrochen durch sehr charmante Details wie den automatischen Samovar, und zum Ende hin nimmt die Geschichte dann wieder an Tempo zu. Alle Charaktere sind glaubhaft beschrieben, nur wird mir etwas zu häufig gesagt, dass Johanne auf Rache aus ist.

    Was allerdings wirklich überhaupt nicht geht, ist das Lektorat. Das fängt mit unvorteilhaften Formulierungen wie der oben genannten an und geht leider weiter: Punkte, wo ein Komma hin gehört, Wiederholungen, Absätze, die ein bis zwei Sätze zu lang sind und Kontinuitätsfehler. So redet Miao Johanne zum Beispiel im gleichen Absatz mit Herrin und dann mit deren Kosenamen an, ohne dass ein Grund dafür ersichtlich ist und die entsprechende Nähe zwischen den beiden zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben ist. Die ganzen Fehler stören auch den Lesefluss erheblich.

    Bevor ich es vergesse: Miao hat mir von allen Charakteren am Besten gefallen, ihr Hintergrund und ihre Kultur kann gerne in einer Fortsetzung näher erforscht werden.

    Also, Wilhelmstadt bietet ein fantastisches, düster-industrielles Setting, mit vielen faszinierenden und sehr steampunkigen Details, hat in der Mitte einige Längen aber ebenso spannende und sogar nervenaufreibende Szenen, das größte Manko ist das Lektorat, das liegt aber nicht am Autor.

    8 von 10 Zeppelinen rein für die Story, wegen des Lektorats werden es aber „nur“ 7 von 10.


  • Rezension: Das Geheimnis der Boreas Oase von Andreas Dresen

    Auf Das Geheimnis der Boreas-Oase kam ich durch einen Tipp von Anja „Ætherwelt“ Bagus, die mir die Kurzgeschichte ans Herz legte, weil sie mit dem Cthulhu Mythos zu tun habe. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen.
    Ich fand folgendes:

    Das Geheimnis der Boreas Oase ist Pulp erster Güte. Packend geschrieben,  kurz (ich war in etwas über einer Stunde durch), also ideal für eine Zugfahrt oder einen genüsslichen Abend am Kamin und voll mit wunderbaren Elementen aus der Dieselpunk-Ära:

    Die Haupthandlung der Geschichte wird ähnlich wie Der Ruf des Cthulhu als Eintrag aus den Aufzeichnungen eines verstorbenen Verwandten erzählt, die Rahmenhandlung endet, auch sehr im Stil der Mythos Geschichten, mit einer bösen Überraschung.

    Was die Elemente des Cthulhu Mythos angeht, da hat Andreas Dresen jetzt natürlich ausgerechnet einen Fanatiker als Rezensent, der bei der Beschreibung des auftauchenden Großen Alten und der Flugkraken Kratzspuren im Schreibtisch hinterlassen hat. OK, zugegeben „Flugkraken“ ist aber auch eine sehr unpassende Übersetzung. Im Original heißen sie Flying Polyps und sehen ungefähr so aus:

     


    Flying Polyp by BorjaPindado on deviantART

    Aber gut, nicht jeder ist so ein staatlich geprüfter Fanatiker wie ich

    Also: Das Geheimnis der Boreas Oase ist eine sehr spannende, aktionsgeladene und sehr kurzweilige Kurzgeschichte und ihren Preis wert. Ich persönlich fand die Untreue zum Cthulhu Mythos störend, aber wer den nicht kennt, dem macht das natürlich auch nichts.

    8 von 10 Zeppelinen

     


  • Rezension: Anja Bagus – Aetherresonanz

    Nachdem ich vom ersten Teil der Aetherwelt-Reihe von Anja Bagus schon sehr begeistert war, konnte ich es fast nicht erwarten, den zweiten Teil auf den Kindle zu bekommen, ich hatte schon so meine Ideen, was passieren könnte, aber es kam alles anders.
    Eines vorraus: Aetherresonanz ist wirklich der zweite Teil der Aetherwelt Serie, das merkt man. Wer Aetherhertz nicht gelesen hat, dem empfehle ich, das dringend zu tun. Aetherresonanz macht mit Vorkenntnissen aus Aetherhertz wahrscheinlich viel mehr Spaß.

    Aetherresonanz beginnt als verstimmte Liebesgeschichte. Annabelle und Paul haben so ihre Probleme, die durch einen Besucher aus Russland nur noch verstärkt werden. Dann erhält Annabelle einen Brief von einem Freund ihres verschollenen Vaters, dem wohlhabenden Industriellen Bader, verbunden mit einer Einladung, und beschließt, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und reist mit ihrer besten Freundin Johanna und ihrem „Leibwächter“ Otto zur Familie Bader. Die Reise zur Baderschen Villa ist schon mit Omen gespickt, die Landschaft wird zum Rhein hin immer düsterer und der Park der Villa, in dem Annabelle früher als Kind hin und wieder gespielt hat, gleicht eher dem Innenhof einer Ruine oder einem Friedhof.

    Und von da an sollte man sich als Leser wirklich anschnallen.

    Annabelle wird während ihres Besuches in der klaustrophoben Villa Bader zuerst in seltsame Vorfälle verwickelt die sich aus der Familiengeschichte der Baders und der Tatsache, dass Bader Senior sein Geld mit einer Aetherraffinerie macht, verwickelt. Ich muss Anja gratulieren, die Atmosphäre in der Bader Villa und v.a. die Charakterisierung von Vater und Sohn Bader ist so genial bizarr und beunruhigend, dass es eine wahre Freude ist. Da fühlt man sich fast wie in Innsmouth. Insgesamt ist Aetherresonanz ohnehin wesentlich düsterer, als es Aetherhertz war. Die Familie Bader hat nicht nur einige Leichen im Keller, sondern einen ganzen Albtraum, passt aber alles.

    Während Annabelle im Hause Bader weilt, sich um den kränkelnden Bader senior kümmert und sich den Annährungsversuchen des ausgesprochen unheimlichen und recht unangenehmen Valentin Bader erwehren muss, gehen Paul und Friedrich Falkenberg auf Bitten der Polizei nach Amtshilfe eine mysteriösen Mordserie nach, der die speziellen Ressourcen des Amts für Aetherangelegenheiten benötigt, und zwar in Form von Erich Hartwig, einen im Adlerhorst wohnenden Wolfsmann, genauer gesagt, dem Alphamännchen des dortigen Wolfsmenschenrudels.

    Die Aetherwelt gewinnt durch Aetherresonanz weiter an Substanz und wird immer echter und fassbarer, kleine Details und größere Rahmenereigniss fügen sich, ebenso wie Bezüge zum ersten Teil, zu einem großen, in sich schlüssigen Ganzen zusammen, die es dem Leser sehr einfach machen, in die Handlung einzutauchen. Tauchen spielt übrigens im Verlauf der Handlung auch eine wichtige Rolle, aber ich will nicht zu viel verraten.

    Anja spinnt auch zunehmend mehr Magie und Mythologie in die Geschichte und den Hintergrund der Aetherwelt, sodass die Grenze zwischen Steampunk und Steamphantasie zunehmend verwischt wird, aber es ist nicht alles Fantasy, es geht auch um eine ganze Menge Technik, gerade beim wirklich aktionsgeladenen, nervenaufreibenden Showdown, bei dem einige Dinge dann doch wieder ganz anders sind, als es der Leser erwartet. Anja gelingen hier auch wieder genau die überraschenden Wendungen, die mir schon bei Aetherhertz so gefallen haben.

    Aetherresonanz hat natürlich ein Happy End, aber das ist nicht alles. Einige Fragen bleiben unbeantwortet, andere drängen sich auf, und am Grund des Rheins lauert ein technischer Schrecken und ein Antagonist aus einer zentralen deutschen Sage.

    Ich will Teil 3 lieber früher als später! Anjas Aethrwelt entwickelt sich für mich zum deutschen Pendant zu Lavie Tidhars Bookman: Das Ewige Empire-Universum.

     

    10 von 10 Zeppelinen undEditor's Pick

     

    Und für alle, die den ersten Teil nicht gelesen habe, holt ihn euch hier: Aetherhertz: Ein Annabelle Rosenherz Roman: 1 (Aetherwelt)

     


  • Rezension: Die zerbrochene Puppe

    So, nachdem ich Die Zerbrochene Puppe jetzt schon seit einiger Zeit fertig gelesen habe, komme ich nun endlich dazu, eine Rezension zu verfassen.

    Die zerbrochene Puppe ist ein Gemeinschaftswerk von Judith und Christian Vogt, und meiner Meinung nach sollten die beiden öfter mal was zusammen schreiben. Judith hat ja sowieso in der deutschen Phantasieszene, gerade bei DSA Fans einen guten Namen.

    Aber nun zur Rezension:

    Was mir gleich von Anfang an gefallen hat ist das Setting: Die Welt der zerbrochenen Puppe ist die unere, allerdings trennen sich die Zeitlinien im 9. Jahrhundert. Zu dieser Zeit beginnt ein massiver Vulkanausbruch auf Island und das Klima ändert sich. Zum Zeitpunkt der Handlung, über 800 Jahre später, ist zumindest Europa in einer Eiszeit gefangen, die dazu geführt hat, dass sich vieles anders entwickelt hat und mancher technischer Fortschritt aus Not früher stattfand.
    Die Handlung folgt Naðan von Erlenhofen, einem niederen Adligen aus dem Deutschen Reich, der auf der Suche nach den Mördern seiner Frau ist, die wurde umgebracht, weil sie Ihre revoluzionäre Erfindung nicht verkaufen wollte.

    Die Suche führt ihn nach Æsta, einer Eisberg-Insel, die Stadt, Fabrik und Ölbohrplattform zugleich ist. Auf Æsta rumort es. Die arbeitende Bevölkerung wird von einer Plutokratenclique aus Adeligen und Industriellen unterdrückt und niemand scheint sich daran zu stören. Auf Æsta findet Naðan aber auch unvermutete Verbündete, zuerst einige Arbeiter und Prostituierte, sowie einen alten adeligen Freund, der ihm Zugang zur feinen Gesellschaft verschafft, später dann die ausgesprochen symaptischen friesischen Luftpiraten. Die Friesen sind eines der beiden großen Highlights des Romans, eine ganze Kultur immernoch eisenzeitlich-tribal lebender Menschen, die nie wirklich in ein Reich integriert wurden und immer noch ihre Jahrtausende alten Traditionen pfelgen und dabei Steampunktechnologie nutzen.

    Das andere Highlight ist die namensgebende zerbrochene Puppe Ynge. Ynge ist sehr seltsam und unheimlich. Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob sie einfach die Manifestierung des Wahnsinns ist, von dem Naðan durch den Verlust seiner Frau erfasst wurde. Dann las ich aber, dass auch andere die Puppe sehen und musste diese Theorie verwerfen. Was hinter der Puppe steckt wird erklärt, ich hätte es persönlich besser gefunden, wenn das ein Geheimnis gebliegen wäre. Trotz dieses gelüfteten Geheimnisses bleibt Ynge eine ganz faszinierende Person und die eigentliche treibende Kraft der Handlung.

    Und nach all dem Lob kommt jetzt die eine Sache, die mir nicht gefallen hat: Naðan von Erlenhofen.
    Naðan ist ein geradezu unerträglicher Weichling, ab einem gewissen Punkt hat sich seine Stimme in meinem Kopf beim Lesen in ein weinerliches Wehklagen verwandelt. Obwohl er der Protagonist ist, reagiert er eigentlich den größten Teil des Buches nur, beklagt sich über sein Schicksal und wird durch die Ereignisse hin und her geschubbst. Die Puppe zeigt mehr Iniziative als er.
    Das ist aber auch wirklich der einzige Störfaktor dieses ganz wunderbaren Buchs.

    Also sind es dann auch  neun von zehn Zeppelinen.

    Steampunkliteratur aus Deutschland kann was!

     


  • Rezension: Anja Bagus – Aetherhertz

    Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, einen kompletten original deutschen Steampunkroman zu Ende zu lesen. Bisher waren es nur Anthologien, da kommen auch noch Rezensionen, fragt sich nur, wann ich die schaffe. Ich schweife ab…

    Zu Aetherhertz kam ich eher zufällig, mit der Autorin, Anja Bagus, hatte ich aus anderen Gründen einen Emailwechsel und mitten in der Konversation kam dann die Frage, ob ich ihren gerade fertiggestellten Roman lesen würde, quasi als Beta-Leser und Rezensent vor Veröffentlichung. Zum Glück habe ich zugestimmt, denn ich fand folgendes:

    Aetherhertz von Anja Bagus (Covermotiv)

    Aetherhertz beginnt mit einer Verschwörung, die Geburt eines Kindes wird vertuscht, und ich war der Meinung, dass die hier beteiligtenVerschwörer die Hauptbösewichter seien. Ich lag falsch. In Aetherhertz sind so einige Dinge nicht so, wie sie zu sein scheinen, was ein Faktor ist, der das Buch sehr spannend macht.

    Ein weiterer Vorzug von Anja Bagus‘ Erstlingswerk ist die Tiefe und der Detailreichtum des Settings. Aetherhertz spielt in einem alternativen Baden-Baden zu Anfang des 20. Jahrhunderts, 1910, um genau zu sein. Gesellschaftsstruktur, Manieren, soziale Normen entsprechen sehr exakt denen, die im Wilhelminischen Deutschland an der Tagesordnung waren, und die Charakterisierung der Akteure und der Stadt und ihrer Einwohner ist an liebevoller Detailtreue kaum zu überbieten.

    Aber es ist natürlich nicht alles so wie im historischen Baden-Baden:

    Vor ca. 20-30 Jahren haben die Flüsse und Seen der Welt angefangen, Äther abzugeben, als Nebel, und die Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen, verändern sich auf unterschiedliche Weise, je nachdem, mit was für Äther und über welchen Zeitraum sie damit in Kontakt kommen.

    Viele Menschen fürchten sich vor dem Äther und dem, was er aus den Menschen macht. Veränderte, „Verdorbene“, werden gemieden und oft auch weggesperrt. Das ist wiederum ein Punkt, der die Handlung voran treibt und mich ein paar mal sehr zornig gemacht hat.

    Andererseits hat de Äther einige ganz erstaunliche wissenschaftliche und technische Fortschritte ermöglicht, die sich allmählich im täglichen Leben bemerkbar machen.

    Die Handlung selbst dreht sich um Fräulein Annabelle Rosenherz, einzige Tochter eines verschollenen Wissenschaftlers und selbst an der Wissenschaft interessiert, was für eine höhere Tochter ziemlich unschicklich ist. Ihr Interesse zieht sie in die Geschehnisse um die eingangs erwähnte Verschwörung, was ihre Situation nicht verbessert. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr ein Anwalt im Nacken sitzt, der gerne ihr Erbe verwalten würde, bis sie volljährig und/oder verheiratet ist (am besten mit seinem bevorzugten Sohn). Sie selbst hat obendrein ein Geheimnis zu wahren und beide Söhne des Anwalts machen ihr den Hof. Der eine ist Offizier einer besonderen Polizeieinheit, die Äthertechnologie verwendet, der andere ist Kunsthistoriker und begabter Erfinder. Alle drei, und zu einem geringeren Teil Annabelle’s Patenonkel und ihre beste Freundin, kommen mit der Baden-Badener Unterwelt in Konflikt und einer ganz anderen Verschwörung auf die Spur, mit der keiner (und auch nicht der Leser) gerechnet hatte.

    Der Plot ist dynamisch, sehr fesselnd und neben einer ganze Menge Spannung und hervorragenden (und auch augenzwinkernd etwas klischeehaften) Charakteren gibt es Chemie zwischen den Protagonisten, Erotik und Gelegenheit, vor Wut mit den Zähnen zu knirschen.

    Mehr will ich nicht verraten.

    Ich fasse also zusammen:
    Überzeugende Charaktere, ein historisch fundiertes Setting, eine Priese Shadowrun und ein Plot, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Aetherhertz ist ein herausragendes Erstlingswerk, der beste deuschsprachige Steampunkroman den ich bisher gelesen habe und der, an dem sich in Zukunft alle anderen zu messen habe. Ich harre der Fortsetzung!

    9 von 10 Zeppelinen für Aetherhertz

    Eigentlich wollte ich 10/10 geben, aber das wäre ein bisschen fies von mir. Ich hatte mich auf meinem englischen Blog immer über klischeehafte Deutsche in englischsprachigen Steampunkromanen aufgeregt. Anja Bagus  hat leider einen total miesen Franzosen in ihrem Roman, der wirklich jedes schlechte Stereotyp erfüllt und sehr eindimensional dargestellt wird. Das ist aber wirklich der einzige Punkt, den ich auszusetzen habe.


  • Rezension: Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft

    Das ist die Rezension von der ich nie gedacht habe, dass ich sie machen werde. Wer von euch kennt den CORA Verlag aus Hamburg? Der Verlag ist für seine Liebes-, Arzt- und Adelsromane bekannt, die man an Kiosks und im Bahnhofsbuchhandel findet (z.B. die Tiffany-und Baccara-Reihen), hat in letzter Zeit aber auch in die Horror, Fantasy und Romantic Thriller Sparte expandiert.
    Ja, jetzt will er auch im gerade populären Steampunkbereich Fuß fassen und veröffentlicht ab dem 15. April die als Episodenroman ausgelegte Steampunk-Saga.
    Tja, und so begab es sich, dass ich eine wirklich ausgesprochen nette Email in meinem Postfach fand (gefolgt von einem sehr angenehmen Telefonat) mit der Bitte, mir den ersten Teil, Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft, anzusehen und zu rezensieren. Das habe ich auch prompt gemacht.
    Bevor ich mit der Rezension beginne, muss ich noch was vorausschicken, da ich leider nicht ganz vorurteilsfrei an die Sache ran gegangen bin.

    1. Wer diesen und v.a. meinen englischen Blog liest, weiß das Liebesromane nicht so wirklich mein Fall sind, die Steampunk-Saga ist aber eine Steampunk-Mysterie-Romanze.
    2. Ich war lange Zeit aktiver Perry Rhodan Sammler und bin immer noch Fan, in geringerem Maße gilt das auch für John Sinclair, ich bin Schema-Literatur an sich nicht abgeneigt.
    3. Ich gehöre nun wirklich nicht zur Zielgruppe des CORA Verlages

     

    Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft

    Wie dem auch sei, ich erwartete Klischees, eine einfache Handlung und dass ich das Ebook nach spätestens 20 Seiten löschen würde, tatsächlich fand ich folgendes:

    Was die Klischees und die einfache Handlung angeht, wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht, das kreide ich dem Autor „Steve Hogan“ auch gar nicht an, diese Art Roman wird im Wochentakt geschrieben, da kommen keine Nobelpreiskandidaten heraus. Kurz zusammengefasst geht es im ersten Teil der Steampunk-Saga um die Dampfkutter Pilotin Katherine „Tinker-Kate“ Fenton, die 1851 in einem alternativen London ihren Lebensunterhalt damit verdient, mit dem von ihrem Vater geerbten Dampfkutter, eine Art dampfgetriebener Gyrokopter oder Hubschrauber, Passagiere durch London zu fliegen, als eine Art Taxiservice. Tinker-Kate ist fast mittellos, eine Waise, Anfang 20, ausgesprochen attraktiv, weiß sich zu helfen und ist der Archetyp der schönen Heldin, die auf sich aufpassen kann. Außerdem ist sie als Spitzel für die Metropolitan Police tätig und wird dadurch in mysteriöse Ereignisse verwickelt, hinter denen möglicher Weise ein Vampir steht. Dass sie im Zuge der Ereignisse auf einen ausgesprochen gut aussehenden (und vielleicht sogar wohlhabenden) jungen Mann trifft, muss fast nicht erwähnt werden. Damit ist die Handlung auch schon zusammengefasst.

    Was mich jetzt wundert, obwohl die Handlung einfach und voraussehbar ist, die Charaktere wandelnde Klischees sind und die Steampunkelemente sich auf Dampfkutter und Luftschiffe beschränken, ist Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft wirklich gut zu lesen. Zugegeben, ich hatte einige Momente bei denen ich mit den Zähnen geknirscht habe und mehr als einmal dachte ich mir „Und jetzt kommt X“ und X kam, aber Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft macht Spaß. Steve Hogan versteht sein Handwerk und hat hier den ersten Teil eines Steampunk-Episodenromans abgeliefert, der handwerklich und inhaltlich für das was er ist, Escape-Literatur, nichts zu wünschen übrig lässt. Wie gesagt, die Steampunkelemente sind sehr oberflächlich, aber vielleicht ändert sich das mit den nächsten Teilen noch und vielleicht sind sogar noch ein paar Überraschungen in der weiteren Handlung drin.

    Mir hat Tinker-Kate und die Geheime Bruderschaft auf sehr seltsame Weise Spaß gemacht, auch das spricht für Mr. Hogans Können. Der Roman ist das literarische Equivalent eines B-Movies. Man ließt ihn nicht wegen der Qualität, sondern weil man leichte Unterhaltung will, und da brilliert er.  War sehr leichte Kost, aber für das was es ist, nicht übel. Mal sehen, was Teil Zwei bringt.

    (Nach den üblichen Richtlinien 7 von 10 Zeppelinen, aber sehr seltsame Zeppeline)